Neues von der süßen Bibliothekarin

Dieser Text wird Ihnen präsentiert von: Prenzlauer Berg – Sie wollen als Single unglücklich in Ihrem selbstgewählten Singletum werden? Dann ist das der Ort für Sie!

OkCupid ist eine Dating-Seite straight from hell. Wenn dieser Text eine Liebesgeschichte erzählt, dann die zwischen mir und OkCupid – und es ist eine unglückliche.

Auf der Skala von Yung Hurn bis Pucini würde sich OkCupid wohl eher bei Pucini ansiedeln. Also die Hochkultur der Dating-Welt. Und am anderen Ende würde wohl Grindr stehen. Mein Ethnolog*innen-Herz sträubt sich zwar gegen diese Unterscheidung zwischen besserer und schlechterer Kultur. Aber man will ja auch in emischen Begriffen sprechen. Und die starke Unterscheidung zwischen Hoch- und niederer Kultur müsste jedem*r überzeuten OkCupid-Nutzer*in ein wichtiges Anliegen sein. Oder zumindest denen, die ich da so gesehen habe.
Die Seite habe ich drei traurige Tage lang genutzt. Aus Recherche-Gründen. Man will ja up-to-date bleiben, nödwahr. Man will ja die jungen Leute verstehen können. Und dass ich alt geworden bin, weiss ich spätestens seit ich lieber Tequila Gold statt Silber trinke. Die richtig jungen, die trinken noch Tequila Suicide, insofern bin ich eigentlich schon bei den Rentner_innen angelangt.
Wenn ich der Ethnologie für etwas für immer dankbar sein werde, dann, dass ich sie für immer und ewig als Erklärung meiner guilty pleasures anführen kann. Aber zurück zum Thema: Die Seite funktioniert im Prinzip wie jede andere, nur dass man Prozentzahlen der Kompatibilität (aufgrund von mehr oder weniger beantworteten Fragen) angezeigt bekommt. Und Zahlen hab ich schon immer als ultimatives Kriterium bei der Partnerwahl betrachtet. Aufgrund dieser Fragen kann man gleich mal den ersten unangenehmen Smalltalk überspringen. Das liegt ja prinzipiell in meinem Interesse. Nichts anstrengenderes als tatsächlich mal mit einer fremden Person interagieren und dann stellt die Person nach zwanzig Minuten die Frage, ob man mit dem Studium Taxifahrerin wird.
Warum werden mir da so viele Akademiker angezeigt, frage ich mich in den ersten fünf Minuten schon, nachdem ich noch kaum Fragen beantwortet und somit kaum ein “Auswahlverfahren” stattgefunden haben könnte. “Weil das von Linken entwickelt wurde”, erklärt mir eine Freundin. Wo der direkte Zusammenhang von Linken und Akademiker*innen liegt, erklärt sich mir dadurch nicht und auch nicht, warum jemand “Linkes” durch die Beantwortung von bis zu 300 Fragen (!) einer Website so viel persönliche (und wirtschaftlich verwertbare) Informationen bereitstellen würde. Aber hey, das ist ein anderes Thema.
Diese Fragen sind eher ein extended Smalltalk und, naja, teilweise interssant. Ausgehend davon sollte ja dann theoretisch der Deep-Talk kommen. Dem ist aber nicht so. Ich lasse mal die Screenshots für sich sprechen.

Bildschirmfoto 2018-04-09 um 21.43.02.png Nei.

Bildschirmfoto 2018-04-09 um 18.41.47.pngNei.

Bildschirmfoto 2018-04-08 um 20.09.44.pngNope.

Bildschirmfoto 2018-04-08 um 14.23.34.pngIch glaub nöd.Bildschirmfoto 2018-04-08 um 13.35.53.pngAlte…

Und mit dieser letzten poetisch hochstehenden Nachricht kommen wir auch zum traurigen Teil. Das schien ein Muster zu sein. Die Männer, die nach einer Süßen suchen. Und da spreche ich nicht nur aus OkCupid-Erfahrung, sondern allgemein. Eine, “die nicht so ist, wie alle anderen”. Die sich auch für “Dinge interessiert”. Männer, die sich sapiosexuell nennen und aufgrund von Oberflächlichkeiten alles sofort verurteilen, das nicht gleich “Doktortitel” schreit. Diese Frauen mit großem Ausschnitt – ein Idiot müsste man sein, anzunehmen, dass die auch noch was im Kopf haben könnten.

Sapiosexualität, um das zu erklären, ist die Hingezogenheit zum Intellekt einer andern Person. Dass man nur auf intelligente Menschen steht. Ich find es nur schon ziemlich abgefuckt, so eine Interessenspräferenz als sexuelle Orientierung zu beschreiben, auf derselben Stufe von homo, hetero, bi etc. Und einerseits kann ich es ja noch nachvollziehen, dass man sich mit seinem*r Partner*in auch unterhalten kann. Aber das hat meines Erachtens nach wenig mit Intelligenz zu tun. Und zum anderen scheinen viele eine interessante Definiton von Intelligenz zu haben. Ein Grossteil würde wohl nie jemanden ohne Hochschulabschluss daten. Und das ist nicht nur Arroganz sondergleichen, sondern diskriminierend.

Sie können sich noch so feministisch darstellen, wie sie wollen. Schlussendlich objektivieren sie zwar nicht explizit oberflächlich, dafür objektivieren sie Intelligenz. Es fällt mir wirklich schwer zu glauben, dass es diesen selbsterklärten Sapiosexuellen darum geht, was die andere Person zu sagen hat, sondern vielmehr, dass sie glauben, dass die Person den Wert der eigenen Intelligenz nachvollziehen kann. Sie sehen ein Bild von jemanden und denken sich: Diese Person sieht so aus, als könne sie mich und meine Intelligenz zu schätzen wissen. Und sie versteht, was es bedeutet zu promovieren. Gramsci gelesen und verstanden zu haben. Quantenphysik. Was auch immer. Ich will damit nicht sagen, dass man einen Hochschulabschluss braucht um das zu verstehen. Sapiosexualität ist nicht meine Logik.
Und vielen scheint ja schon meine Brille und Angabe von fünf Sprachen gereicht zu haben, um anzunehmen, dass ich in irgendwas promoviere. Oder Bibliothekarin bin. Aber eine süße Bibliothekarin natürlich.

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Berlin Halbjahresgedanken

Während meine Schreibblockade bezüglich meiner Hausarbeit gerade wahnsinnig real ist (sie hat zurzeit den Dateinamen “sdfozhewf.docx”), habe ich bezüglich allem anderen alles andere als eine Schreibblockade. Vielleicht ist das mit der Hausarbeit aber auch einfach nur Motivationslosigkeit. Oder Ideenlosigkeit, nachdem sich mein provisorisches Inhaltsverzeichnis als komplett nutzlos herausgestellt hat. Oder aber es liegt an der Deadline im Mai. MAI!

Mein Ziel ist es ja, in diesem Kiez so richtig bekannt zu werden. Sodass ich irgendwann alle Leute in den Cafés hier kenne (das Yoga-Café an der Ecke not included, das regt mich zu sehr auf) und sie sich freuen, wenn ich mal wieder vorbeikommen, mir Kaffee ausgeben, “Hallo, Vanessa, wie geht’s dir heute” fragen. Aber ich glaub dazu fehlen mir die Kinder. Diese ganzen Menschen, die hier im Kiez so vernetzt sind, haben Kinder und werden auch immer nur nach ihren Kindern gefragt (wahrscheinlich auch, weil man sie Tags zuvor wieder auf offener Straße hat streiten sehen). Schlussfolgerung: Ich bin die perfekte Prenzlauer Berg Mutti, fehlen nur noch die Kinder. Beim Falafel-Typen komme ich dem Ganzen aber schon näher, der fragt mich mittlerweile auch schon wie’s mir geht. Aber irgendwie fragt er das auch jeden (jaja, da geht das Gefühl dahin, dass man sich einmal bisschen speziell gefühlt hat).

So langsam kommt der Frühling und es nieselt nicht mehr jeden, sondern nur noch jeden zweiten Tag. Seit der Frühling da ist, hat meine Straße gefühlt doppelt so viele Bewohner*innen, drei Eisläden haben aus dem Nichts aufgemacht und ungefähr alle Cafés/Restaurants/Spätis/Whatevers haben sich auf dem Gehweg Tische montieren lassen. Und zwar nicht so billige Holzbänke. Nein, richtige Tische, einbetoniert. Der Mauerpark ist jetzt nicht mehr nur Dreh- und Angelpunkt vermummter, drogenverkaufender Menschen. Nun ist er auch Dreh- und Angelpunkt von Menschen, die leistungsstarke Musikboxen besitzen (pro zehn Meter mind. zwei) und 17-jährigen auf Mädchensuche – die einem auch mal durch den halben Park hinterherrennen, nur dass man ihnen dann offenbaren kann, dass man 24 ist und sie dann wieder davonhuschen. Tschüss, mein Sohn!
Ausserdem ist der Mauerpark jetzt nicht mehr nur sonntags ein Hipster-Hippie-Happening sondern ungefähr jeden Tag (wenns gerade nicht nieselt). Allgemein gibt’s plötzlich so viel mehr Hipster in dieser Stadt. Wo kommen die alle her? Oder liegt das daran, dass der Frühling so klamottenmässig einfach high time für Hipster ist? Wir werden es wohl nie herausfinden. Zudem findet alle paar Meter im Mauerpark ein Open-Air-Tanzkurs statt. Und die haben das auch immer voll drauf. Scheiss Angeber.

War gestern auf Hosensuche zwischen Weinmeisterstrasse und Rosenthaler Platz. Ist von meiner Wohnung halt echt nicht weit weg, aber weit genug, um eine völlig andere Welt zu sein. Ganz ungesunde Mischung zwischen Tourist*innen und Berlin-Mitte-Hipstern in der advanced Version. Richtig schön unangenehm.
Unterwegs in dieser Hipstertown sah ich Mutter und Sohn unterwegs mit ihrem Sohn, die auf einen Laden zeigte “Da haben wir damals deine ersten Vans gekauft”. Und ich stellte mir vor, wie die ersten Vans so ein mega prägendes Ereignis im Leben eines Berlin Mitte Kinds sind. So wie es damals bei uns die ersten Converse waren. Meine waren gelb – wise decisions have been made.

Was mich am Prenzlauer Berg wohl am meisten stört, sind die ganzen Kinder. Das klingt jetzt wie ein Klischee. Aber mich stören sie nicht nur, weil sie laut sind und nerven. Sondern weil ich deshalb auch bei den ganzen Ampeln (von denen es objektiv gesehen zu viele gibt) nie bei Rot gehen kann. Man kann sagen was man will über den Vater, der mich und eine Freundin in München mal zur Sau gemacht hat, weil wir vor seinem Kind bei Rot über die Straße gegangen sind. Aber einen pädagogischen Effekt hatte es.

Hab vor Kurzem etwas getan, was ich vor sechs Monaten so gar nicht erwartet hätte. Nämlich Sportklamotten gekauft. In den Leggings schaut mein Hintern sogar ziemlich gut aus (DARUM GEHTS DOCH BEIM SPORT, ODER, SO HAT MIR DAS DIESE KULTUR BEIGEBRACHT!!1!). Das Geburtstagsgeld meiner Großeltern werde ich wohl für Boxhandschuhe ausgeben. Ich mach sie stolz, da bin ich mir sicher.

Am Sonntag wirds 20 Grad. Dann machen wir unser Transparent für die Mieter-Demo am 14.04. Vielleicht machen wir das im Mauerpark. Nach zwanzig Minuten werden wir dann ne Schar 17-jähriger um uns rum stehen haben, die ein Revoluzzzzzer-Girl suchen. Und jeder zweite hat ne Musikbox dabei auf der Yung Hurn oder sonst irgendein Schrott läuft.

Ursprünglich wollte ich diesen Eintrag “Berlin Halbjahresstatistik” nennen. Dann ist mir eingefallen, wie sehr ich Statistiken nicht mag. Wer Statistiken auch mag, ist die Universitätsverwaltung. Und wenn man mal in ihr arbeitet, verliert man auch mal schnell dieses hochgehaltene Bild einer “Exzellenz“-Institution. Schlussendlich besteht der Universitätsbetrieb daraus, Ansprechpersonen zu bestimmen. Die wissen zwar auch nicht immer mehr, aber immerhin hat man jemanden, den man beschuldigen kann.

Habe Call Me By Your Name gesehen. Den Film sollte man schauen, wenn man emotional ausgeglichen ist. Das bin ich nicht. Er ist sehr schön, aber auch nicht, und lustig, aber auch nicht. Habe viel aus dem Film mitgenommen und zuhause gleich meine 80iger-Gedächtnis-Mom-Jeans aus dem Untergrund des Schranks rausgeholt.

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Der Moralapostel bin ich

Mich beschäftigt seit längerem die Frage, ob man eigentlich einen erkennbaren Stereotyp von Europäischen Ethnolog*innen ausmachen kann. Bin mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass ein solcher Stereotyp nie verdichtet wurde, weil viele mit keinem einzigen der Namen von Volkskunde über Europäische Ethnologie bis Kulturanthropologie auch nur das geringste anfangen können. Da hat es sich die Uni Zürich mit “Populäre Kulturen” ziemlich einfach gemacht – Und das ganze Fach auf einen an anderen Unis nur peripher behandelten Themenbereich beschränkt. Reife Leistung. Ganz Uninformierte halten uns ja noch für Rassenkundler. So auch letztens wieder festgestellt, als ich bei einem intellektuell sehr hochstehenden Gespräch darüber, dass schwarze Haut ja viel langsamer altert (was ja voll unfair sei), aufgefordert wurde auch etwas dazu zu sagen – da sei ich ja schliesslich Expertin. Jetzt mal ganz abgesehen von der unglaublichen Privilegien-Blindheit, die in dem Argument versteckt ist, finde ich es ja nur noch traurig, dass gewisse Leute unhinterfragt annehmen, dass Rassenkunde an den Universitäten noch gelehrt wird.

Karomuster-Spiralblöcke und Firmengeschenk-Kugelschreiber, daran erkenne man die Euroethnos. Zumindest wenn man nach den Architekt*innen der UDK geht. Die haben sich damit schon mal befasst, das lässt sich aus dem Gelächter schliessen. Aber wohl auch nur, weil sie in dem Joint-Seminar zwischen HU und UDK direkten Kontakt zu Euroethnos hatten. Im ersten Moment dachte ich dabei an den Stereotypen des “Haus-Ethnologen”, der bei jeder Familie irgendwo in der Ecke mit seinem Block sitzt und sie in ihrem Alltagsleben beobachtet. Schlussendlich gings ihnen aber mehr um die Qualität unserer Schreibutensilien. Da konnte ich ihnen nicht widersprechen. Konnte aber auch kein erkennbares Architekt*innen-Stereotyp liefern. Abgesehen davon, dass sie alles gottverdammte Hipster sind – im allgemeinen UDK-Vergleich aber immer noch gemässigt (holy shit, die Modedesigner*innen). Und das schwarze-Klamotten-Stereotyp konnte ich auch nicht empirisch belegen. Die einzigen, die in diesen Seminar ganz in schwarz gekleidet waren, das waren Euroethnos.

Ich selber kann auch keinen Euroethno-Stereotyp herausarbeiten. Vielmehr Figuren, die sich in jeder Veranstaltung dieses Studienganges wiederfinden und ungefähr die gesamte Hipster- und Neo-Hippie-Skala abdecken. Aber immer strickt jemand. Und alle fürchten sie sich vor dem Kultur-Begriff.

Unser Institut ist ein kleiner Mikrokosmos, was wohl daran liegt, dass es das alleinige Insitut der Europäischen Ethnologie ist. In München konnte man in der Cafeteria wenigstens noch das schöne Spiel “Japanologe oder Informatiker?” spielen. Wir haben einen viel zu kleinen (aber zweistöckigen) Arbeitsraum, auf dessen Sofa entweder immer jemand rumschnarcht oder eine Gruppe viel zu laut den Ablauf ihres Referates bespricht. Und wir haben ein ebenfalls viel zu kleines selbstverwaltetes Café in dem sich (wenn es denn mal geöffnet hat) viel zu viele Leute für objektiv betrachtet nicht so guten Filterkaffee anstellen. Aber Kaffee ist Love, Kaffee ist Life. Und immerhin hängen in den Café ein paar auf Stoff geschriebene Foucault- und Marx-Zitate aus. Damit hätten wir unser Soll als aufgeklärte Kritiker*innen getan.

Klingt jetzt wieder alles so zynisch, aber wer mich kennt, weiss, wie sehr ich mein Studium liebe. Doch manchmal wünschte ich mir mehr.
Ich wünschte mir vor allem dieses Semester mehr Inhalt, wo es doch hauptsächlich aus Methodologie besteht und je mehr ich mich mit Methodologie befasse, desto mehr schwindet meine Begeisterung dafür. Mag sein, dass ich dadurch erheblichen Rückstand in Sachen Methodologie habe und beispielsweise die Praxistheorie nicht wirklich erklären kann. Aber ich sehe auch wie jene, die sich wirklich an der Diskussion darüber beteiligt haben, nur noch verwirrter wurden und nach drei Stunden nicht einmal mehr wussten, was die Europäische Ethnologie eigentlich als Praxis versteht.
Ich wünschte mir mehr Anspruch. Zum Beispiel an ein Seminar, in dem wir nichts inhaltliches ausser dem Begriff “Urban Charisma” gelernt haben (dessen Erkenntisgewinn ich auch eher begrenzt finde) und das von meinem Komiliton*innen als erfolgreich eingestuft wird. In dem die Hausarbeit im Verlaufe des Semesters von einer “kreativen Fragestellung ausgehend von den Beobachtungen” zu einer reinen Zusammenfassung unserer Präsentation ge-downgraded wird und sich alle freuen, einen weniger grossen Arbeitsaufwand haben. Das kann doch irgendwie nicht reichen.
Das Tutorium am Mittwoch hat sich zudem mittlerweile mehr zu einer Selbsthilfegruppe gewandelt, als eine Veranstaltung zu sein, bei der man auch tatsächlich etwas lernt. Kann es sein, dass deshalb von den knapp 35 Studierenden gerade mal noch zehn teilnehmen, wenn’s gut kommt? Nein, bestimmt nicht.

Als aktuelles Beispiel: Wenn in einer Vorlesung zu Populärkultur Games à la GTA oder ähnlich auch nur angesprochen werden, kann man sich sicher sein, dass die Euroethnos pseudobetroffen im Raum sitzen und dem unproduktiven Kulturpessimisus verfallen. “Da fragt man sich schon, was los ist mit den Leuten”. Ja, das fragt man sich allerdings, wo man doch gerade dieses subjektive Unverständnis als Ansatzpunkt nutzen könnte, um solche scheinbar unverständlichen Praxen (wenn man denn versteht, was eine  Praxis ist – haha!) zu hinterfragen. Aber nein. Wir stehen da lieber und prangern die ganzen verblendeten Leute mit ihren Teufelshandys an. Ich halte mich nicht für eine herausragende Studentin und das bin ich auch nicht. Aber manchmal fehlt mir was – oder zumindest hat es das in diesem Semester.

 

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Ab August gabs nichts mehr.

Einerseits denke ich wir nehmen Jahre viel zu ernst, sehen sie als kohärente Einheiten, betiteln sie als schlechtes oder gutes Jahr. Bestes oder beschissenstes. Und dann kommt Neujahr und wir feiern und wir fragen uns was demnächst passiert. Aber die Zeit geht einfach so weiter.
Ja, das denke ich einerseits. Ein anderer Teil in mir fragt sich aber, wie dieses Jahr so geil starten konnte – und dann kam nur noch steter Zerfall mit Tiefpunkt im September. Und dann wurde mir gesagt ich hätte doch alles erreicht.
Anfangs von 2017 funktionierte endlich mal alles mit meiner Bachelorarbeit, es lief gut, es machte Spass. Ich hatte monatelangen Input hinter mir. Zu Dingen, über die ich mir so tiefgehenden noch kaum Gedanken gemacht hatte. Ich war motiviert und Mann, fand ich das geil diese Bachelorarbeit zu schreiben. Dass ich nun einen Master in demselben Fach mache, ist wohl einzig und allein dieser Arbeit zu verdanken.
Dann kamen neue Bekanntschaften, gelegentliche Arbeit, die zwei letzten Monate in München, Frühling, Besuch in München, Zugfahrten nach Mailand und Locarno, Nachmittage bei den Pinakotheken, viel Bücher, viel Inspiration.

Dann kam ein Praktikum, auf das ich mich seit meinem zweiten Unisemester bewerben wollte. Und ich habe es tatsächlich gekriegt.  Und mein Name stand da auf der Website. Dass ich mich darüber so gefreut habe, fand ich etwa so cool, wie ich es auch ein wenig lächerlich fand. Schon am ersten Tag hab ich dort gemerkt, mich wohl nun in einem nicht sonderlich inspirierenden Umfeld zu bewegen, was gewisse Diskussionsthemen anging. Aber hey, das war ok. Ich fühlte mich gefordert, ich habe etwas gelernt. Und der intellektuelle Austausch war andernorts auch gegeben. Und es war Sommer. Es gab Bootsfahrten die Limmat runter, Spaziergänge mit Hund, Nächte auf dem Dach, Nachmittage vor dem Bildschirm und entstehenden Texten, Musik auf voller Lautstärke.

Ab August gabs nichts mehr.

Ich hätte alles erreicht, wurde mir dann einen Monat später gesagt. Als ich die Gitarre seit Monaten nicht mehr angefasst hatte, seit Wochen kein Wort geschrieben hatte. Nachdem ich seit Wochen nicht mal eine Textzeile gelesen hatte, mich bei der Arbeit mehr und mehr unfair und wie ein Idiot behandelt fühlte und nachdem mein Freund mit mir Schluss gemacht hatte und ich die Gründe bis jetzt – nichtexistentes Selbstvertrauen sei Dank – darauf beziehe nicht (gut) genug gewesen zu sein. Und nachdem mein Arbeitstag in den zwei darauffolgenden Tagen daraus bestand mehr als 20 fremden Menschen ins Gesicht zu lächeln und höchstens beim Drucker, auf der Toilette zu weinen. Oder in der Tram, jeden Tag auf dem Heimweg. Oder zuhause. Dort sowieso. Nachdem ich mich so uninspiriert gefühlt habe wie noch nie und auch vom einen auf den anderen Tag aus einem sozialen Umfeld entfernt wurde, in dem ich mich so wohl gefühlt habe. Nach zwei Monaten, die sich angefühlt hatten wie eine Ewigkeit und nach denen ich mich fühlte, als sei mir mein kompletter Charakter abhanden gekommen. Aber hey, alles erreicht.

Der einzige positive Zugewinn aus diesen paar Monaten ist nun wohl, dass sich die Zahl gespeicherter Rapsongs in meinem Spotifyaccount reichlich vergrössert hat, was irgendwie Teil meiner Verdrängungstaktik war. Wobei ich das Wort allerdings eher unpassend finde. Es war wohl eher ein Abwägen von emotionalen Kapazitäten. 

Ich hab den Eindruck das ganze mit einem positiven Fazit abschliessen zu müssen. Aber dieser Text hat mich nur wütend gemacht. Es sei mir verziehen, dass ich das nun nicht mache. Isch ja bald Neujahr, nödwahr. 😉

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Oha, Berlin

Es ist nicht so, dass es nichts zu Schreiben gegeben hätte, in den letzten Monaten. Oder dass ich keine Zeit gehabt hätte. Letzteres würde lediglich auf September zutreffen. Ich hatte schlichtweg keine Lust auch nur irgendein Wort zu schreiben und jegliche freie Minute zum Schlafen, Essen und zur Ablenkung davon genutzt, dass ich auch noch so was wie ein Privatleben hatte. Dieses Privatleben wollte ich nicht haben.

Ich bin in Berlin. Ich hätte es geschafft, wurde mir am Freitag von einer ehemaligen Mitbewohnerin gesagt. Was eine Erfüllung eines schon länger gehegten Planes sein sollte, wurde irgendwie zur Flucht aus Zürich. In der Stadt hab ich mittlerweile zu oft in der Öffentlichkeit geweint. Die Stadt ist nicht so gross, ich könnte ja Leute, die mich dabei beobachtet haben, wiedertreffen. Und das ist mir nun wirklich zu peinlich. Einzig logische Schlussfolgerung: Studium im Ausland! Nun bleibt mir nur noch zu hoffen, dass ich jenen berliner Journalisten nicht wiedertreffe, der bei jenem Pressescreening neben mir sass, währenddem ich einen heftigen Heulkrampf bekam. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass der Film auf einer sehr subtilen Ebene wahnsinnig emotional war, ok? Man sagt der Generation Y ja nach, wir seien die Generation, die wieder bereit ist, Schwäche zu zeigen. Darin schwingt dieser bewunderne Unterton mit, den wir nicht verdient haben, weil wir nicht endlich wieder zu etwas bereit sind, sondern das alles nur ein riesiger Ausdruck eines First World Problems ist. Ich würde oft gerne behaupten, nicht Repräsentantin der vielen Stereotype dieser Generation zu sein. Bin ich aber. Ich habe heute einen Wecker auf einem Flohmarkt gekauft. Zuhause durfte ich feststellen, dass dieser so laut tickt, dass ich ihn unmöglich werde benutzen können. Aber vorallem: Ich war bei einem Flohmarkt. Ach ja, Berlin, du hast mich schon völlig vereinnahmt. Hochwasserhosen und bunte Socken, I feel it.
Man könne hier so rumlaufen wie man wolle und niemand störe sich daran – Das sagen sie gerne über sich selbst. Ich sehe das anders, diese gut gekleideten Leute verunsichern mich eher. Wie so vieles auf dieser Welt.

Ich bin also in Berlin und ich habe ein Zimmer und bin immatrikuliert. Die Probleme haben sich vorläufig alle geklärt und ich habe wieder Zeit so etwas wie einen Charakter oder was auch immer davon übrig geblieben ist, auszuleben. Was mach ich jetzt mit all der Zeit?

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Meitli-Meitli

3. und 4. Klasse – War das eine schöne Zeit? Ich kann mich kaum erinnern. Nur an ein paar Einzelheiten, wie zum Beispiel diese eine Schulstunde, in der wir besprochen haben, dass es genau vier Arten von Menschen gibt: Buebe-Buebe, Meitli-Buebe, Buebe-Meitli und Meitli-Meitli. Anders gesagt: Jungs, die sich wie Jungs verhalten, Mädchen, die sich wie Mädchen verhalten und der ganze Rest, der das eben nicht tut. Diese Meitli-Buebe und Buebe-Meitli fallen dabei aus der Normalität, oder eher dem, was in dem Fall als Normalität definiert wurde. Aber das isch imfall ok, wir müssen das akzeptieren, auch wenns nicht normal ist.
Ich weiss auch noch, dass ich dabei von meinem Lehrer “ganz klar” als Meitli-Meitli bezeichnet wurde und dass mich das damals sehr gestört hat. Ich meine, wenn man nach den Kriterien geht, die in dem Fall ein typisches Mädchen ausgemacht haben, mag das wahrscheinlich nicht falsch gewesen sein. Ich trug gerne Kleider, ich hab mit Barbies gespielt, ich hab nicht Fussball gespielt und bin nicht auf Bäume geklettert – et voilà, das perfekte Mädchen. Aber als solches wollte ich trotzdem nicht bezeichnet werden. Auch heute nicht. Denn wer Wortkombinationen wie “perfektes Mädchen” hat ziemlich sicher auch steretype Vorstellungen von Geschlechterrollen mit denen ich mich weder identifizieren kann noch in sie als Projektionsfläche miteinbezogen werden möchte.
Solche Dinge hat das 10-jährige Ich noch nicht gedacht. Das wäre ja zu schön um wahr zu sein. Damals hat mich viel mehr gestört, dass jemand das Bedürfnis hat mich in eine Kategorie einzuteilen. Ich hatte nicht darum gebeten.

Was diese Schulstunde uns beigebracht hat, war nicht Toleranz. Sondern, dass es genau zwei Geschlechter gibt,
davon insgesamt vier Ausdrucksweisen,
von denen aber nur zwei als normal gelten.
Und, dass wir einfach alle mal damit klarzukommen haben, dass wir unser ganzes Leben lang und egal was wir tun in Kategorien eingeteilt werden – ob uns das passt oder nicht.

Das ist mehr als fragwürdig. Aber dann fällt mir ein, dass uns auch die Bibel gelehrt wurde, als wäre sie ein Geschichtsbuch. Und dann wundert mich eigentlich nichts mehr. Auch nicht wie offen uns kommuniziert wurde, dass gewisse Karrieren dem Mann vorbehalten sind.Und die offensichtlich sexistischen Kleiderordnungsregeln, die an meiner ehemaligen Oberstufe vor ein paar Jahren eingeführt wurden, die möchte ich jetzt gar nicht ansprechen.

 

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“romanticized idea of romance”

Gestern gewann Salvador Sobras, portugiesischer Jazzmusiker mit wahnsinns Stimme und wahnsinns Song den Eurovision Songcontest. Ich habe mir diese Veranstaltung nicht angetan (vier Stunden Nationalismus muss nicht sein), den Siegersong allerdings schon. Und vielleicht hätte ich keine Übersetzung des portugiesischen Textes suchen sollen. Denn, dass es ein Song über die Liebe ist, konnte man erahnen. Einerseits am Stil des Lieds. Andererseits am Titel „Amar Pelos Dois“. Also war das keine grosse Überraschung. Aber ich hatte mir erhofft mich etwas weniger damit zu identifizieren. Denn kaum etwas ist frustrierender, als wenn man in sich genau diese Strukturen erkennt, die verlernt gehören. Aber erstmal die Übersetzung:

If one day someone asks about me / Tell them I lived to love you / Before you, I only existed / Tired and with nothing to give
My dear, listen to my prayers / I beg you to return, to want me again/ I know that one can’t love alone / Maybe slowly you might learn again
If your heart doesn’t wish to give in / Not to feel passion, not to suffer / Without making plans of what will come after / My heart can love for the both of us.

Der Text ist schön, romantisch und überaus kitschig. Ich hasse diesen Text nicht. Das hier soll überhaupt kein Hasstext sein – Hatespeech ist ja bekanntlich nicht mein Ding. Schlussendlich habe auch ich die letzten drei Tage damit verbracht latent kitschige Texte über die Liebe zu schreiben (über die ich mich fast einbisschen schäme).
Es ist halt ein typischer Text eines Liebeslieds. Der Protagonist, der sich ohne sein significant other nicht vollständig fühlt. Der alleine nur eine inhaltsleere Hülle zu sein schein. Der alleine nicht lieben kann. Über den das einzige, was man nach seinem Ableben über ihn erzählen kann, ist, dass er geliebt hat.

In Anlehnung an den letzten Eintrag: Wir müssen anfangen nach etwas anderem zu suchen als der Liebe.
Sie wird als Lebensziel gehandelt, nach dem wir gefälligst alle unsere Entscheidungen und Wünsche abzustimmen haben und tun wir das nicht, stimmt etwas mit uns nicht. Unsere Auffassung von Liebe schränkt uns nicht nur in unserer Lebensführung ein, sie ist schädlich.
Ich kenne unzählige Menschen, die vom Konzept Liebe aktiv beeinträchtigt sind, weil es uns einzureden versucht (und das äusserst erfolgreich), was wir wollen und wie wir das erreichen können, bzw. müssen. Und schlussendlich wollen wir nichts anderes als Liebe. Sonst sind wir unvollständig. Wie sollen wir jemals vollständig sein, wenn wir diese ohnehin abstrakte Zielsetzung jeweils an einer anderen Person festmachen? Mal ganz abgesehen davon, wie viel Verantwortung wir damit völlig ungefragt einer anderen Person aufzwingen.
Ich kenne Leute, die feststellen, dass sie dieses Konzept von Liebe mit ihrem Leben eigentlich gar nicht vereinbaren können. Doch sie streben trotzdem danach, sie passen sich an, sie gehen Kompromisse ein und finden sich schliesslich in Beziehungen in denen sie unglücklich sind, die nicht ihren Vorstellungen von Zweisamkeit entsprechen. Oder sie tun das eben genau deshalb alles nicht und werden deswegen stigmatisiert.

Aber andererseits, wie sollen wir denn nach etwas anderem streben?
Erzähl einem Mädchen von Geburt an, dass es ihre Aufgabe ist, den Mann fürs Leben zu finden, und sie wird ihr Leben lang nichts anderes tun.
Werbungen erzählen uns, dass zu Zweit doch alles viel „besser/einfacher/*hier beliebiges positives Adjektiv einfügen*“ ist, auch wenn Unfallversicherungen und Handyverträge doch zugegebenermassen relativ wenig mit romantischer Zweisamkeit zu tun haben.
Weibliche Figuren in Märchen (und VOR ALLEM Filmen) sind jeweils blosse Hüllen von charakterlosen Figuren, über die wir meistens keine andere Information haben, als dass sie unsterblich in den glorreichen Prinzen verliebt sind. Und ihre Existenz macht auch erst mit Erfüllung dieses Traumes Sinn.

Und um zum Ende nun wirklich noch richtig vom ursprünglichen Thema abzukommen: Frauen müssen nach Liebe suchen. Männern passiert sie. Und wenn sie das nicht tut, dann aus guten Gründen. Ein Mann hat halt Ansprüche. Erinnern wir uns daran, wie George Clooney mit über 50 als der Junggeselle Hollywoods in den Medien gehandelt wurde, dem einfach keine gut genug ist. Und erinnern wir uns, wie Jennifer Aniston mit über 40 nach ihrer Scheidung von Brad Pitt als nichts als gescheitert in den Medien dargestellt wurde.
Erinnern wir uns an jede Medienberichterstattung über eine Promitrennung, bei der die Frauen jeweils bemitleidet werden – und die Männer gefeiert, weil sie für die Ladies dieser Welt wieder zu haben sind.
Ja, Medien sind ab und zu richtig scheisse, vor allem die Boulevardpresse. Und trotzdem sind sie beliebt, viel gelesen und haben einen gewissen Einfluss auf die Gesellschaft. Und genau aus diesem Grund ziehe ich sie in diesem Fall als Beispiele heran – was aber keinesfalls bedeuten soll, dass ich bezweifle, dass in „normalen“ Alltagsgesprächen Aussagen unter diesem Ton getroffen werden. Abgesehen davon habe ich das auch persönlich schon erlebt.

Zum Abschluss: Ich habe einen Freund gefragt, was er über das gesellschaftliche Konzept von Liebe denkt. Seine Antwort in Ausschnitten:
„well, that’s an easy thing to answer:) I think that its a concept that is derived from a romanticized idea of romance (ha) that was left after marriage stopped being an economic institution cuz by that time it was so stuck in society and religion that they couldn’t just do away with it“
„meh, I don’t believe you can love someone if you aint complete without them.
I mean, I understand the sentiment but fuk off dude :D“
„not to mention that I really dislike the idea of life-long monogamy :D“

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