Labels

Es gibt da so einen Typen, der hat einen Text geschrieben mit dem Titel „Generation Beziehungsunfähig“. Und jetzt tourt der im ganzen Land herum und hält Lesungen und die Yuppies unserer Generation rasten aus. Um es gleich zuzugeben, ich habe seinen Text nicht gelesen. Hätte ich das getan würde ich vielleicht auch ausrasten und Blogeinträge schreiben, wie krass er mir doch aus der Seele spricht und einfach die Welt als Ganzes verstanden hat. Weil das können nur Leute, die uns aus der Seele sprechen.
Grundsätzlich geht’s gar nicht um seinen Text, bzw. dessen Inhalt. Ich habe mich nur heute gerade daran erinnert, dass wir vor Ewigkeiten – nämlich als dieser Typ in der Hochphase seiner paar Monate Ruhm war – ein Gespräch im Wohnzimmer über ihn geführt haben. Aus dem Gespräch habe ich nur mitgenommen, dass wir scheinbar alle beziehungsunfähig seien. Nach dem Wort ‚beziehungsunfähig’ bin ich jedoch bereits ausgestiegen, weils schon zu sehr nach unnötiger Mainstream-Gesellschaftskritik klang. Eben die Art von Gesellschaftskritik, bei der wir nur darüber reden, wie scheisse alles ist, ohne die Frage nach den Gründen stellen zu müssen. Die angenehme und einfache Art der Gesellschaftskritik halt. Abgesehen davon hoffe ich stark, dass sein Text mehr Inhalt hat, als dass wir alle beziehungsunfähig sind, denn dann würde nur der Titel schon den ganzen Text erklären – das wär biz lame. Ich weiss, das klingt alles biz aggro dem Text gegenüber, obwohl ich ihn nicht gelesen habe. Und wie gesagt, vielleicht ist er tatsächlich gut. Aber ich find den Titel einfach schon so überaus scheisse, dass ich gar keine Lust mehr habe den Text zu lesen. Sorry.

Wir sind nicht beziehungsunfähig. Wir sind einfach alle etwas verloren. Oder tun zumindest so. Aber vor allem sind wir auch noch wahnsinnig stolz darauf.

Es gibt Leute, die sich monatelang treffen nur um irgendwann an den Punkt zu geraten, wo sie zwar ihre scheinbar nicht-Beziehung noch geheim halten, es aber weder etwas an der Situation ändern würde, wenn sie die Umstände definieren würden, noch wenn sie sie nicht geheim hielten. Ich habe schon ganze Freundeskreise erlebt, bei denen der erste Kuss als Beginn der Beziehung galt. (Dabei durfte ich auch erfahren scheinbar selbst in einer Beziehung zu sein. Gut zu wissen. Mir hatte niemand Bescheid gegeben.)

Das sind die zwei Extreme und dazwischen gibt’s noch ganz viel mehr und ich glaube das ist nicht mal nur Personenabhängig, sondern eher Personen-Kombinationen-abhängig. Ich hatte mit Menschen schon nach zwei Wochen so Gespräche – oder in fünf Monaten kein einziges.
Wir haben einfach alle andere Wege mit den Dingen umzugehen, die wir nicht aussprechen können.

Und dann gibt es die Leute, die an einem gewissen Tag dann tatsächlich definieren, von nun an, zu diesem Zeitpunkt, ab genau dieser Minute in einer Beziehung zu sein (okay, zugegebenermassen so genau sind die dann auch nicht) – nur um dann dafür verurteilt zu werden, auf alles ein Label packen zu müssen. Und das sagt eine Generation, die das Wort ‚beziehungsunfähig’ einzig und allein deshalb so feiert, weil wir uns damit ein Label verpassen können: Die verlorene Generation, die nicht weiss was sie will oder tut oder kann und irgendwie auch noch stolz darauf ist. Wir lieben Labels, denn schon so oft haben sie uns das Leben (vermeintlich) leichter gemacht. Aber wenns um Beziehungen geht, dann sind sie plötzlich scheisse.

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