Zweisam o.ä.

Ich hatte im letzten Jahr eine (im Verhältnis zu sonst) Vielzahl an Dates und fand sie eigentlich alle ziemlich scheisse. Und das nicht, weil ich eine dieser Personen bin, die behauptet keine Leute zu “daten”, weil das Wort „Date“ so mega blöd sei und damit so viele Normen und Regeln verbunden seien und man sich doch einfach nur mit jemandem treffen möchte, um zu sehen was passiert. Irgendwie versteh ich die Begründung schon, finde sie aber ziemlich pseudo, weil es ein weiteres Beispiel ist, wie für ein tiefgreifendes Problem eine einfache, „verträgliche“ Lösung gesucht wird. Denn sind wir mal ehrlich, nicht die „Dates“ sind das Problem sondern die veralteten Rollenmuster, patriarchalen Strukturen und der Sexismus unserer Datingkultur. Und die werden durch die Abschaffung , bzw. die Ignoranz des Begriffs „Date“ (und Ja, das ist nur eine Sache von Begrifflichkeiten und nichts anders) nicht aufgelöst.

Vielleicht habe ich die Dates nur gehasst, weil ich sie nur hatte, weils mir nach einem krassen Vertrauensbruch richtig schlecht ging und ich sie als Mittel zum Zweck benutzte, mein verletztes Ego aufzubauen (welches ich dooferweise an einer Beziehung festgemacht hatte, deren Trennung ich dooferweise nur auf mich selbst und meine Fehlbarkeit projizierte). Das funktioniert natürlich aber nicht, wenn man Dates quasi als Bewerbungsgespräch versteht, bei denen man sein bestes, alltags- und beziehungstauglichstes Ich zu verkaufen versucht, statt seine aufrichtigen Einstellungen und Meinungen, an denen man sein Ego eigentlich festmachen sollte. Liebe als Mangelware. Und wer in ein beziehungstaugliches Ideal nicht reinpasst, kriegt auch nichts davon ab – ist nicht “auf dem Markt”. Und dann können wir noch so erfolgreich (worin auch immer) sein, aber wir gelten als gescheitert. Weil Liebe als höchstes Gut in dieser Gesellschaft gilt, weil es Leute gibt, die Liebe als Sinn des Lebens bezeichnen würden, weil Menschen ihr Leben danach ausrichten, (weil Menschen einfach zu erklärende Gründe für ihre Unzufriedenheit suchen, die sie dann an sich selber festmachen können, statt nach übergeordneten Ungerechtigkeiten zu suchen). Weil die meisten Menschen mehr verliebt in Beziehungen sind, als in die Person, die sie scheinbar lieben.

Jetzt mal abgesehen davon ist der Tipp, man solle sich einfach jemand Neues suchen, dann gehe es einem schnell besser, riesiger Bullshit und nicht unproblematisch. Es mag sein, und ich kenne auch einige Leute, bei denen das so funktioniert. Aber es ist mehr als fahrlässig ohne Rücksicht auf Beziehungs- oder „Zweisamkeits“auffasung (wie auch immer man es nennen möchte) mit diesem Tipp um sich zu werfen, weil er krass schief gehen kann. Es gibt Leute, die haben in Sachen Zweisamkeit/Körperlichkeit hohe Ansprüche und diese Ansprüche sollte man ihnen gewähren, denn sie haben Gründe. Was bringt es einem also seine Ansprüche zu senken und sich schliesslich auf den nächstbesten gutaussehenden Typen einzulassen, der nichts von deinem Charakter wissen will, sich als noch grösseres Arschloch herausstellt als der letzte und dem ursprünglichen Problem alles andere als weiterhilft?
Und ausserdem tut man damit wieder genau das, was das ursprüngliche Problem verursacht hat. Nämlich sein Ego an einer anderen Person festzumachen und aufzubauen.

Ich habe Dates tatsächlich verstanden wie Bewerbungsgespräche. War gleich aufgeregt. Hab Situationen und Aussagen (von mir und meinem Gegenüber) auf ähnliche Art und Weise hinterfragt und analysiert. Und dabei das massentaugliche Ich schön in den Vordergrund setzten. Und wenn man mal eine latent politische oder feministische Aussage macht, dann immer mit einem schönen Lächeln auf dem Gesicht, so als hätte man es nicht zu hundert Prozent ernst gemeint. Abwaschbare Meinungen. Süsse Ansichten. Aber bloss keinen echten Standpunkt vertreten, dabei könnte man ja auf Ablehnung stossen.

Und ich muss ganz ehrlich sagen, ich opfere gerne mein Liebesleben, wenn das bedeutet, dass ich mich dieser schädlichen Datingkultur nicht hingeben muss.

“Das Geld, die Hegemonie und die Katastrophe der neoliberalen Heterosexualität mögen uns so weit gebracht haben, dass es Männern, Frauen und allen anderen so gut wie unmöglich ist, einander ehrlich zu lieben, aber es ist nur so gut wie unmöglich. Es ist nicht zu spät.
Frauen und Mädchen im Besonderen müssen den Mut aufbringen, in ihrem Leben nach etwas anderem zu suchen als nach Liebe®. Dass man Mädchen erklärt, sie hätten keine Kontrolle darüber, wen sie lieben und wie sie das ändern könnten, ist eine besondere Form der Entmachtung. Einsamkeit ist etwas Schreckliches. Aber ein Leben, in dem man einen Menschen sucht, der einen vervollständigt, ist genauso schrecklich. Wer sich ohne Partner, seine “bessere Hälfte”, als unvollständig empfindet, wird immer einsam sein, auch in einer Partnerschaft. Ich habe siebenundzwanzig Jahre gebraucht, um es wirklich zu begreifen: Nur, weil wir jeden Traum, den wir je hatten, aufgeben würden, um einen besonderen Menschen lächeln zu sehen, heißt das noch lange nicht, dass wir das tun sollten.”

Laurie Penny: Unsagbare Dinge. Sex, Lügen, Revolution. S. 255.

 

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