“romanticized idea of romance”

Gestern gewann Salvador Sobras, portugiesischer Jazzmusiker mit wahnsinns Stimme und wahnsinns Song den Eurovision Songcontest. Ich habe mir diese Veranstaltung nicht angetan (vier Stunden Nationalismus muss nicht sein), den Siegersong allerdings schon. Und vielleicht hätte ich keine Übersetzung des portugiesischen Textes suchen sollen. Denn, dass es ein Song über die Liebe ist, konnte man erahnen. Einerseits am Stil des Lieds. Andererseits am Titel „Amar Pelos Dois“. Also war das keine grosse Überraschung. Aber ich hatte mir erhofft mich etwas weniger damit zu identifizieren. Denn kaum etwas ist frustrierender, als wenn man in sich genau diese Strukturen erkennt, die verlernt gehören. Aber erstmal die Übersetzung:

If one day someone asks about me / Tell them I lived to love you / Before you, I only existed / Tired and with nothing to give
My dear, listen to my prayers / I beg you to return, to want me again/ I know that one can’t love alone / Maybe slowly you might learn again
If your heart doesn’t wish to give in / Not to feel passion, not to suffer / Without making plans of what will come after / My heart can love for the both of us.

Der Text ist schön, romantisch und überaus kitschig. Ich hasse diesen Text nicht. Das hier soll überhaupt kein Hasstext sein – Hatespeech ist ja bekanntlich nicht mein Ding. Schlussendlich habe auch ich die letzten drei Tage damit verbracht latent kitschige Texte über die Liebe zu schreiben (über die ich mich fast einbisschen schäme).
Es ist halt ein typischer Text eines Liebeslieds. Der Protagonist, der sich ohne sein significant other nicht vollständig fühlt. Der alleine nur eine inhaltsleere Hülle zu sein schein. Der alleine nicht lieben kann. Über den das einzige, was man nach seinem Ableben über ihn erzählen kann, ist, dass er geliebt hat.

In Anlehnung an den letzten Eintrag: Wir müssen anfangen nach etwas anderem zu suchen als der Liebe.
Sie wird als Lebensziel gehandelt, nach dem wir gefälligst alle unsere Entscheidungen und Wünsche abzustimmen haben und tun wir das nicht, stimmt etwas mit uns nicht. Unsere Auffassung von Liebe schränkt uns nicht nur in unserer Lebensführung ein, sie ist schädlich.
Ich kenne unzählige Menschen, die vom Konzept Liebe aktiv beeinträchtigt sind, weil es uns einzureden versucht (und das äusserst erfolgreich), was wir wollen und wie wir das erreichen können, bzw. müssen. Und schlussendlich wollen wir nichts anderes als Liebe. Sonst sind wir unvollständig. Wie sollen wir jemals vollständig sein, wenn wir diese ohnehin abstrakte Zielsetzung jeweils an einer anderen Person festmachen? Mal ganz abgesehen davon, wie viel Verantwortung wir damit völlig ungefragt einer anderen Person aufzwingen.
Ich kenne Leute, die feststellen, dass sie dieses Konzept von Liebe mit ihrem Leben eigentlich gar nicht vereinbaren können. Doch sie streben trotzdem danach, sie passen sich an, sie gehen Kompromisse ein und finden sich schliesslich in Beziehungen in denen sie unglücklich sind, die nicht ihren Vorstellungen von Zweisamkeit entsprechen. Oder sie tun das eben genau deshalb alles nicht und werden deswegen stigmatisiert.

Aber andererseits, wie sollen wir denn nach etwas anderem streben?
Erzähl einem Mädchen von Geburt an, dass es ihre Aufgabe ist, den Mann fürs Leben zu finden, und sie wird ihr Leben lang nichts anderes tun.
Werbungen erzählen uns, dass zu Zweit doch alles viel „besser/einfacher/*hier beliebiges positives Adjektiv einfügen*“ ist, auch wenn Unfallversicherungen und Handyverträge doch zugegebenermassen relativ wenig mit romantischer Zweisamkeit zu tun haben.
Weibliche Figuren in Märchen (und VOR ALLEM Filmen) sind jeweils blosse Hüllen von charakterlosen Figuren, über die wir meistens keine andere Information haben, als dass sie unsterblich in den glorreichen Prinzen verliebt sind. Und ihre Existenz macht auch erst mit Erfüllung dieses Traumes Sinn.

Und um zum Ende nun wirklich noch richtig vom ursprünglichen Thema abzukommen: Frauen müssen nach Liebe suchen. Männern passiert sie. Und wenn sie das nicht tut, dann aus guten Gründen. Ein Mann hat halt Ansprüche. Erinnern wir uns daran, wie George Clooney mit über 50 als der Junggeselle Hollywoods in den Medien gehandelt wurde, dem einfach keine gut genug ist. Und erinnern wir uns, wie Jennifer Aniston mit über 40 nach ihrer Scheidung von Brad Pitt als nichts als gescheitert in den Medien dargestellt wurde.
Erinnern wir uns an jede Medienberichterstattung über eine Promitrennung, bei der die Frauen jeweils bemitleidet werden – und die Männer gefeiert, weil sie für die Ladies dieser Welt wieder zu haben sind.
Ja, Medien sind ab und zu richtig scheisse, vor allem die Boulevardpresse. Und trotzdem sind sie beliebt, viel gelesen und haben einen gewissen Einfluss auf die Gesellschaft. Und genau aus diesem Grund ziehe ich sie in diesem Fall als Beispiele heran – was aber keinesfalls bedeuten soll, dass ich bezweifle, dass in „normalen“ Alltagsgesprächen Aussagen unter diesem Ton getroffen werden. Abgesehen davon habe ich das auch persönlich schon erlebt.

Zum Abschluss: Ich habe einen Freund gefragt, was er über das gesellschaftliche Konzept von Liebe denkt. Seine Antwort in Ausschnitten:
„well, that’s an easy thing to answer:) I think that its a concept that is derived from a romanticized idea of romance (ha) that was left after marriage stopped being an economic institution cuz by that time it was so stuck in society and religion that they couldn’t just do away with it“
„meh, I don’t believe you can love someone if you aint complete without them.
I mean, I understand the sentiment but fuk off dude :D“
„not to mention that I really dislike the idea of life-long monogamy :D“

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