Der Moralapostel bin ich

Mich beschäftigt seit längerem die Frage, ob man eigentlich einen erkennbaren Stereotyp von Europäischen Ethnolog*innen ausmachen kann. Bin mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass ein solcher Stereotyp nie verdichtet wurde, weil viele mit keinem einzigen der Namen von Volkskunde über Europäische Ethnologie bis Kulturanthropologie auch nur das geringste anfangen können. Da hat es sich die Uni Zürich mit “Populäre Kulturen” ziemlich einfach gemacht – Und das ganze Fach auf einen an anderen Unis nur peripher behandelten Themenbereich beschränkt. Reife Leistung. Ganz Uninformierte halten uns ja noch für Rassenkundler. So auch letztens wieder festgestellt, als ich bei einem intellektuell sehr hochstehenden Gespräch darüber, dass schwarze Haut ja viel langsamer altert (was ja voll unfair sei), aufgefordert wurde auch etwas dazu zu sagen – da sei ich ja schliesslich Expertin. Jetzt mal ganz abgesehen von der unglaublichen Privilegien-Blindheit, die in dem Argument versteckt ist, finde ich es ja nur noch traurig, dass gewisse Leute unhinterfragt annehmen, dass Rassenkunde an den Universitäten noch gelehrt wird.

Karomuster-Spiralblöcke und Firmengeschenk-Kugelschreiber, daran erkenne man die Euroethnos. Zumindest wenn man nach den Architekt*innen der UDK geht. Die haben sich damit schon mal befasst, das lässt sich aus dem Gelächter schliessen. Aber wohl auch nur, weil sie in dem Joint-Seminar zwischen HU und UDK direkten Kontakt zu Euroethnos hatten. Im ersten Moment dachte ich dabei an den Stereotypen des “Haus-Ethnologen”, der bei jeder Familie irgendwo in der Ecke mit seinem Block sitzt und sie in ihrem Alltagsleben beobachtet. Schlussendlich gings ihnen aber mehr um die Qualität unserer Schreibutensilien. Da konnte ich ihnen nicht widersprechen. Konnte aber auch kein erkennbares Architekt*innen-Stereotyp liefern. Abgesehen davon, dass sie alles gottverdammte Hipster sind – im allgemeinen UDK-Vergleich aber immer noch gemässigt (holy shit, die Modedesigner*innen). Und das schwarze-Klamotten-Stereotyp konnte ich auch nicht empirisch belegen. Die einzigen, die in diesen Seminar ganz in schwarz gekleidet waren, das waren Euroethnos.

Ich selber kann auch keinen Euroethno-Stereotyp herausarbeiten. Vielmehr Figuren, die sich in jeder Veranstaltung dieses Studienganges wiederfinden und ungefähr die gesamte Hipster- und Neo-Hippie-Skala abdecken. Aber immer strickt jemand. Und alle fürchten sie sich vor dem Kultur-Begriff.

Unser Institut ist ein kleiner Mikrokosmos, was wohl daran liegt, dass es das alleinige Insitut der Europäischen Ethnologie ist. In München konnte man in der Cafeteria wenigstens noch das schöne Spiel “Japanologe oder Informatiker?” spielen. Wir haben einen viel zu kleinen (aber zweistöckigen) Arbeitsraum, auf dessen Sofa entweder immer jemand rumschnarcht oder eine Gruppe viel zu laut den Ablauf ihres Referates bespricht. Und wir haben ein ebenfalls viel zu kleines selbstverwaltetes Café in dem sich (wenn es denn mal geöffnet hat) viel zu viele Leute für objektiv betrachtet nicht so guten Filterkaffee anstellen. Aber Kaffee ist Love, Kaffee ist Life. Und immerhin hängen in den Café ein paar auf Stoff geschriebene Foucault- und Marx-Zitate aus. Damit hätten wir unser Soll als aufgeklärte Kritiker*innen getan.

Klingt jetzt wieder alles so zynisch, aber wer mich kennt, weiss, wie sehr ich mein Studium liebe. Doch manchmal wünschte ich mir mehr.
Ich wünschte mir vor allem dieses Semester mehr Inhalt, wo es doch hauptsächlich aus Methodologie besteht und je mehr ich mich mit Methodologie befasse, desto mehr schwindet meine Begeisterung dafür. Mag sein, dass ich dadurch erheblichen Rückstand in Sachen Methodologie habe und beispielsweise die Praxistheorie nicht wirklich erklären kann. Aber ich sehe auch wie jene, die sich wirklich an der Diskussion darüber beteiligt haben, nur noch verwirrter wurden und nach drei Stunden nicht einmal mehr wussten, was die Europäische Ethnologie eigentlich als Praxis versteht.
Ich wünschte mir mehr Anspruch. Zum Beispiel an ein Seminar, in dem wir nichts inhaltliches ausser dem Begriff “Urban Charisma” gelernt haben (dessen Erkenntisgewinn ich auch eher begrenzt finde) und das von meinem Komiliton*innen als erfolgreich eingestuft wird. In dem die Hausarbeit im Verlaufe des Semesters von einer “kreativen Fragestellung ausgehend von den Beobachtungen” zu einer reinen Zusammenfassung unserer Präsentation ge-downgraded wird und sich alle freuen, einen weniger grossen Arbeitsaufwand haben. Das kann doch irgendwie nicht reichen.
Das Tutorium am Mittwoch hat sich zudem mittlerweile mehr zu einer Selbsthilfegruppe gewandelt, als eine Veranstaltung zu sein, bei der man auch tatsächlich etwas lernt. Kann es sein, dass deshalb von den knapp 35 Studierenden gerade mal noch zehn teilnehmen, wenn’s gut kommt? Nein, bestimmt nicht.

Als aktuelles Beispiel: Wenn in einer Vorlesung zu Populärkultur Games à la GTA oder ähnlich auch nur angesprochen werden, kann man sich sicher sein, dass die Euroethnos pseudobetroffen im Raum sitzen und dem unproduktiven Kulturpessimisus verfallen. “Da fragt man sich schon, was los ist mit den Leuten”. Ja, das fragt man sich allerdings, wo man doch gerade dieses subjektive Unverständnis als Ansatzpunkt nutzen könnte, um solche scheinbar unverständlichen Praxen (wenn man denn versteht, was eine  Praxis ist – haha!) zu hinterfragen. Aber nein. Wir stehen da lieber und prangern die ganzen verblendeten Leute mit ihren Teufelshandys an. Ich halte mich nicht für eine herausragende Studentin und das bin ich auch nicht. Aber manchmal fehlt mir was – oder zumindest hat es das in diesem Semester.

 

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